Dolly Sods

Ein außergewöhnlicher Naturschatz verbirgt sich mit der Dolly Sods Wilderness im Nordosten des Bundesstaates West Virginia. Inmitten der Allegheny Mountains gelegen, scheint die Landschaft gar nicht recht in die waldreichen Appalachen zu passen. Das von rauem Klima geprägte Hochplateau erinnert mit kargem Heideland, verwunschenen Mooren und windzerzausten Fichten viel eher an die Wildnis Kanadas. Genau der richtige Ort also für Naturliebhaber mit einem Hang zum Besonderen, der auch noch mit einem Hauch Abenteuer daherkommt.

Das höchste Plateau östlich des Mississippi erstreckt sich über mehr als 70 Quadratkilometer entlegener Wildnis zwischen den Ortschaften Petersburg und Davis. In durchschnittlich 1.200 Metern Höhe zeigt sich eine einzigartige Tundralandschaft, die heute unter strengem Naturschutz steht. Das war nicht immer so. Einst wie alle Gebirgszüge der Region mit dichtem Urwald bewachsen, fielen hier erst die Baumriesen der industriellen Revolution zum Opfer, während anschließend Buschbrände dem verbliebenen Bewuchs bis auf den blanken Fels den Garaus machten.

Doch damit nicht genug. Während des Zweiten Weltkriegs nutzte man das Areal als Artillerie-Übungsplatz, denn es bot aus militärischer Sicht gleich mehrere Vorteile. Die Dolly Sods galten wegen der vorangegangenen Abholzung ohnehin als ökologisch wertlos und waren isoliert genug, um ungestört und ohne Gefahr für die Bevölkerung mit schweren Geschützen trainieren zu können. Zudem bot die Gegend mit unwegsamem Terrain und einem oftmals unberechenbaren Klima ähnliche Bedingungen wie die europäischen Mittelgebirge. Für die Army waren die Dolly Sods die perfekte Kulisse, um den Gebirgskrieg zu simulieren.

Die militärische Vergangenheit erweist sich als Segen und Fluch zugleich. Aufgrund der vorhandenen Kampfmittelreste blieben die Dolly Sods lange Zeit Niemandsland, weshalb sich hier ein einzigartiges Ökosystem ungestört entwickeln konnte. Allerdings kann bis heute nicht ausgeschlossen werden, dass sich im Boden noch aktive Munition befindet. Daher sollte die Landschaft außerhalb der markierten Wege und offiziellen Einrichtungen nicht betreten werden. Schilder warnen vor der Gefahr von Blindgängern. Immer wieder werden Kampfmittel entdeckt, die dann vor Ort unschädlich gemacht werden. Wer sich in den offiziell ausgewiesenen Bereichen aufhält, braucht sich aber keine Gedanken zu machen.

Auf fast 50 Meilen bzw. knapp 80 Kilometern Wanderrouten gibt es jede Menge Gelegenheit, die Gegend zu durchstreifen und kennenzulernen. Während manche früheren Eisenbahntrassen oder Militärstraßen folgen, führen andere Strecken buchstäblich über Stock und Stein. Der Red Creek Trail etwa ist berühmt für seine Bachquerungen, die bei nassen Witterungsperioden durchaus anspruchsvoll sein können. Berüchtigt ist der Dobbin Grade Trail mitten durch ein Hochmoor. Für imposante Aussichten empfiehlt sich der Rocky Ridge Trail ebenso wie eine Wanderung zum Lions Head, einem Felsvorsprung in der Form eines Löwenkopfes.

Ein markanter Anziehungspunkt und das wohl beliebteste Ausflugsziel innerhalb der Dolly Sods sind die Bear Rocks. Die zerklüfteten weißen Quarzsandstein-Formationen ragen am nordöstlichen Rand der Hochebene wie natürliche Aussichtsplattformen über das Tal des North Fork River. Lässt man den Blick schweifen, darf nicht nur die einzigartige Landschaft an sich bewundern, sondern eine Kuriosität, die sofort ins Auge fällt: Die Dolly Sods sind bekannt für ihre Fichten, die auf der Wetterseite kahl sind. Den so genannten Flagging Trees sieht man an, dass kräftiger Westwind den Ton angibt. Die Bäume wirken wie Wetterfahnen und zeugen von den harten klimatischen Bedingungen.

Trotz der geografischen Isolation und unwegsamen Zufahrten sollte man sich nicht über enormen Besucherandrang wundern. Dank der Verbreitung in sozialen Medien haben sich die Dolly Sods von einem Geheimtipp zu einem touristischen Hotspot der Region entwickelt. Vor allem an Wochenenden zieht es Ausflügler scharenweise in die unvergleichliche Landschaft, die jeweils nur rund drei Autostunden von Metropolen wie Washington oder Pittsburgh entfernt ist. Vor allem in die Gegend der Bear Rocks erfreut sich enormer Beliebtheit.

Wer trotz dieser Popularität die Dolly Sods für sich erleben möchte, sollte dieses Kleinod an einem Wochentag erkunden und sich einfach einige Kilometer von den Forest Roads 19 und 75, den touristischen Lebensadern, entfernen. Benannt ist das Areal übrigens nach einer deutschen Einwandererfamilie namens Dahle, die sich Ende des 18. Jahrhunderts in den Bergen angesiedelt hatte und auf den saftigen Wiesen (sods) Landwirtschaft betrieb. Jeweils nur wenige Kilometer weiter befinden sich mit dem Blackwater Falls State Park und der Spruce Knob-Seneca Rocks National Recreation Area ein weiteres lohnendes Ausflugsziel.

Nach oben scrollen