Zwischen all den monumentalen Attraktionen in der Bundeshauptstadt Washington geraten die National Archives leicht aus dem Blick. Zu Unrecht, denn was sich nach verstaubten Archiven anhört, ist in Wahrheit einer der wohl denkwürdigsten Orte für alle, die sich gezielt für die Geschichte der Vereinigten Staaten interessieren. Das National Archives Museum ist nichts weniger als das Gedächtnis der Nation und beherbergt Dokumente, auf die sich die moderne Demokratie gründet. Die bedeutendsten Kostbarkeiten, die bereits für sich genommen einen Besuch nahelegen, sind die „Charters of Freedom“. Stiften die verehrten Gründungsurkunden doch die Identität Amerikas und machen sein Wesen aus.
Die drei Dokumente – die Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung der Vereinigten Staaten und die Bill of Rights – sind nicht nur im übertragenen Sinn das Herzstück des National Archives Museums, sondern auch in tatsächlicher Hinsicht. Die zentrale Rotunda for the Charters of Freedom bietet diesen Schätzen, die die Weltgeschichte prägten, einen würdigen Rahmen. Bei andächtiger Stille und gedämpftem Licht kommt man den Schriftstücken ganz nah und erlebt einen der feierlichen Momente, für die Washington berühmt ist.
Wenngleich die Tinte im Laufe der Jahrhunderte verblasst ist, bleibt die Aura, die diese Originalstücke umgibt, ungebrochen. Um sie vor Verfall zu bewahren, wird ein enormer Aufwand betrieben. So lagern die Dokumente nicht nur lichtgeschützt, sondern sind von einer speziellen Atmosphäre aus Argon umhüllt. Im Gegensatz zu normalerweise großzügigen Bestimmungen herrscht hier absolutes Fotografierverbot. Und nachts werden die Heiligtümer in einem tonnenschweren und bombensicheren Tresor tief unter der Erde verwahrt.
Auch jenseits dieser nationalen Heiligtümer bietet das National Archives Museum zahlreiche einzigartige Höhepunkte. Ein besonders immersives Erlebnis verspricht die Dauerausstellung „The American Story“. Modernste Technologie macht die Geschichte der Nation auf vielerlei Weise greifbar. Zwischen Millionen Aufzeichnungen lässt sich der Weg, den einst die Gründerväter einschlugen und den das Land seither beschritten hat, nachvollziehen.
Darunter sind einzigartige Zeitzeugnisse wie George Washingtons persönlich kommentierter Entwurf der Verfassung, der Originalvertrag zum Louisiana Purchase oder die Emancipation Proclamation von 1863, die den Weg zur Befreiung versklavter Menschen vorbereitete. Zu sehen sind überdies bahnbrechende Patente wie etwa jenes von Thomas Edison zur Erfindung der Glühbirne oder die Idee der Gebrüder Wright einer „Flying Machine“.
Der Facettenreichtum der Einrichtung beschränkt sich keineswegs auf die amerikanische Geschichte. So beherbergt die Rubenstein Gallery eines der seltenen Originale der Magna Carta von 1297, deren Geist den amerikanischen Freiheitsrechten innewohnt. Weitere bedeutende Dokumente der Zeitgeschichte sind die Heiratsurkunde von Adolf Hitler und Eva Braun oder das abgefangene Zimmermann-Telegramm des Deutschen Reiches an Mexiko, das die USA zum Kriegseintritt in den Ersten Weltkrieg veranlasste.
Ein Besuch im National Archives Museum ist ein intensives Erlebnis, das bereits beim ersten Anblick beginnt. Das 1935 eröffnete Gebäude erinnert mit seiner monumentalen klassizistischen Erscheinung an einen antiken Tempel. Die 72 korinthischen Säulen und die massiven Giebel unterstreichen die enorme Bedeutung dieses Ortes. Dennoch ist der Eintritt wie in vielen Museen in Washington auch hier kostenlos. Da sich am Haupteingang in der Constitution Avenue oft lange Warteschlangen bilden, lohnt es sich, rechtzeitig ein spezielles Zeitfenster zu reservieren. So lässt sich ohne Verzug unmittelbar in das Allerheiligste der amerikanischen Geschichte eintauchen.
In unmittelbarer Nachbarschaft des National Archives Museums befinden sich mit der National Gallery of Art und dem National Museum of Natural History zwei weitere ausgesprochene Kulturschätze, die zugleich zu den meistbesuchten Museen der USA gehören.